Albert Hofmanns Entdeckung veränderte die Neurowissenschaften für immer. Die ganze Geschichte.
Albert Hofmann und die Entdeckung von LSD: Die Geschichte die alles veränderte
Albert Hofmann war ein Schweizer Chemiker, der am 11. Januar 1906 in Baden geboren wurde und am 29. April 2008 im Alter von 102 Jahren in Burg im Leimental verstarb. Seine Entdeckung von LSD-25 im Jahr 1943 gilt als einer der bedeutendsten Zufälle der Wissenschaftsgeschichte — ein Moment, der die Neurowissenschaften, die Psychiatrie und letztlich die gesamte heutige Forschungslandschaft für Lysergamide für immer veränderte.
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Der junge Hofmann: Vom Chemiestudenten zum Sandoz-Forscher
Albert Hofmann wuchs als ältestes von vier Kindern in bescheidenen Verhältnissen auf. Sein Vater arbeitete als Werkzeugmacher in einer Fabrik. Schon frueh zeigte sich Hofmanns Faszination für die Natur — in seiner Autobiografie beschreibt er ein mystisches Naturerlebnis als Kind, das ihn nachhaltig prägte.
Nach dem Abitur studierte Hofmann Chemie an der Universität Zuerich, wo er 1929 mit einer Arbeit über den Chitin-Aufbau bei Krebstieren promovierte. Noch im selben Jahr trat er in die Pharma-Abteilung der Sandoz AG in Basel ein — ein Unternehmen, das später mit Ciba-Geigy zu Novartis fusionieren sollte.
Mutterkorn: Der Pilz, der alles ins Rollen brachte
Hofmanns Forschungsschwerpunkt bei Sandoz war das Mutterkorn (Claviceps purpurea) — ein Schlauchpilz, der Getreide (insbesondere Roggen) befällt und eine Reihe pharmakologisch hochaktiver Alkaloide produziert. Mutterkorn war seit dem Mittelalter als Gift und Medizin bekannt: Es verursachte das gefürchtete "Antoniusfeuer" (Ergotismus), wurde aber auch als Wehenmittel eingesetzt.
Bei Sandoz hatte Arthur Stoll bereits in den 1910er Jahren begonnen, die Mutterkorn-Alkaloide zu isolieren. Hofmann übernahm diese Arbeit und entwickelte sie systematisch weiter. Sein Ziel: die Lysergsaeure — den gemeinsamen chemischen Kern aller Mutterkorn-Alkaloide — als Ausgangsstoff für die Synthese neuer Verbindungen mit medizinischem Potenzial zu nutzen.
Zwischen 1935 und 1938 synthetisierte Hofmann eine Reihe von Lysergsaeure-Derivaten. Er hoffte, ein Kreislaufstimulans zu finden. Es war diese Suche, die ihn zur Verbindung Nummer 25 führte.
16. November 1938: LSD-25 wird geboren — und ignoriert
Am 16. November 1938 synthetisierte Hofmann Lysergsaeurediethylamid — die 25. Verbindung in seiner Reihe systematischer Variationen. Er kombinierte Lysergsaeure mit Diethylamin. Das Resultat trug die Labornummer LSD-25.
Die Substanz wurde an die pharmakologische Abteilung von Sandoz weitergereicht, wo sie an Versuchstieren getestet wurde. Die Ergebnisse waren enttäuschend. Die Tiere zeigten eine gewisse motorische Unruhe, aber keine der erhofften kreislaufstimulierenden Eigenschaften. In einem internen Sandoz-Bericht hiess es lapidar: "Die Versuche wurden wegen fehlender interessanter Eigenschaften abgebrochen."
LSD-25 verschwand in der Schublade. Für fuenf Jahre.
April 1943: Die Rückkehr zu einer vergessenen Substanz
Warum Hofmann fuenf Jahre später auf LSD-25 zurückkam, ist eine der grossen Fragen der Wissenschaftsgeschichte. Er selbst schrieb in seiner Autobiografie "LSD — Mein Sorgenkind":
"Ich hatte eine merkwürdige Vorahnung, dass diese Substanz andere als die in der ersten Untersuchung festgestellten Eigenschaften besitzen könnte."
Am 16. April 1943 setzte Hofmann eine neue Synthese von LSD-25 an. Während der Arbeit im Labor begann er sich plötzlich unwohl zu fuehlen — schwindelig, unruhig, leicht berauscht. Er unterbrach die Arbeit und fuhr mit dem Fahrrad nach Hause. Zuhause erlebte er einen etwa zweistuendigen Zustand veränderter Wahrnehmung mit lebhaften Farberscheinungen.
Hofmanns Schlussfolgerung: Er musste während der Synthese eine winzige Menge der Substanz über die Haut absorbiert haben. Er schätzte später, dass er höchstens 20-50 Mikrogramm aufgenommen haben konnte. Die Potenz von LSD-25 war ohne Beispiel in der Geschichte der Pharmakologie.
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19. April 1943: Der Bicycle Day
Drei Tage nach der zufälligen Exposition entschied sich Hofmann für einen bewussten Selbstversuch. Er wählte eine Dosis von 250 Mikrogramm (0,25 mg), die er als konservativ einschätzte. Tatsaechlich war es eine ausserordentlich hohe Dosis.
Um 16:20 Uhr nahm Hofmann die Substanz oral ein. Sein Laborjournal vermerkt penibel die folgenden Ereignisse:
16:50 — "Beginnender Schwindel, Angstgefuehl, Sehstörungen, Laehmugen, Lachreiz"
17:00 — Die Notizen brechen ab. Hofmann bat seinen Laborassistenten, ihn nach Hause zu begleiten.
Was folgte, war die beruehmt gewordene Fahrradfahrt durch Basel — der "Bicycle Day". Hofmann beschrieb später kaleidoskopartige Farbmuster, verzerrte Proportionen und eine tiefe Verunsicherung, gefolgt von Phasen der Ruhe und Klarheit. Seine Nachbarin, die ihm Milch brachte, erschien ihm als "boeswillige Hexe mit farbiger Fratze".
Am nächsten Morgen fuehlt sich Hofmann erfrischt und klar. In seinem Bericht an den Vorgesetzten beschreibt er die Erfahrung sachlich und empfiehlt weitere systematische Untersuchungen.
Die wissenschaftliche Aufarbeitung
In den folgenden Monaten und Jahren unternehmen Hofmann und seine Kollegen bei Sandoz systematische Studien. 1947 publiziert Werner Stoll — Arthur Stolls Sohn und Psychiater — die erste wissenschaftliche Studie über die psychischen Wirkungen von LSD an 16 Versuchspersonen (Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie).
Sandoz beginnt, LSD-25 unter dem Handelsnamen "Delysid" an Forschungsinstitute und Psychiater zu liefern. Die Packungsbeilage empfiehlt dem Therapeuten, die Substanz selbst zu nehmen, um die Erfahrung seiner Patienten besser nachvollziehen zu können.
Zwischen 1950 und 1965 werden weltweit über 1.000 wissenschaftliche Arbeiten zu LSD publiziert. Die Substanz wird in der Behandlung von Alkoholabhängigkeit, Angststörungen und Neurosen eingesetzt.
Von Delysid zum Verbot: Der Aufstieg und Fall
Die CIA begann parallel ihr beruechtigt gewordenes MKUltra-Programm (1953-1973), in dem LSD ohne Einwilligung an Versuchspersonen verabreicht wurde. Gleichzeitig popularisierten Figuren wie Timothy Leary die Substanz als Werkzeug der Bewusstseinserweiterung — weit entfernt von Hofmanns Vorstellung kontrollierter Forschung.
Die Gegenreaktion folgte prompt: 1966 wurde LSD in den USA verboten, 1971 stufte die UN-Konvention über psychotrope Substanzen es als Schedule I ein. Sandoz stellte die Produktion ein. Die klinische Forschung kam für Jahrzehnte zum Erliegen.
Hofmann beobachtete diese Entwicklung mit wachsendem Unbehagen. In einem Brief an den Psychiater Stanislav Grof schrieb er 1971: "Was als Werkzeug der Wissenschaft geboren wurde, ist zum Spielball der Politik geworden."
Laut einer Analyse der Universität Zuerich (2019) verzoegerte das Verbot die psychiatrische Forschung um mindestens 30 Jahre.
"LSD — Mein Sorgenkind": Hofmanns Vermächtnis
1979 veröffentlicht Hofmann sein Buch "LSD — Mein Sorgenkind", das zum Standardwerk wird. Der Titel verraet Hofmanns ambivalente Beziehung zu seiner Entdeckung.
In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (2006) sagte der damals 100-Jaehrige:
"LSD ist eine Substanz, die man mit größtem Respekt behandeln muss. Sie hat mir die Tore zu einer anderen Welt geoeffnet. Aber ich bin immer wieder zurückgekehrt — das ist der entscheidende Punkt."
Hofmanns Spätwerk und Engagement
Auch nach seiner Pensionierung von Sandoz 1971 blieb Hofmann aktiv:
• Er forschte weiter an Naturstoffen, insbesondere an den Wirkstoffen mexikanischer Pilze (Psilocybin) und der Prunkwinde (LSA/Ergin)
• Er publizierte über 100 wissenschaftliche Arbeiten in seiner gesamten Karriere
• Er setzte sich öffentlich für eine Wiederaufnahme der kontrollierten LSD-Forschung ein
• Er wurde 2007 vom britischen Daily Telegraph in eine Liste der "100 größten lebenden Genies" aufgenommen
Hofmanns Bedeutung für die heutige Derivat-Forschung
Ohne Albert Hofmanns Neugier — sein Zurückkehren zu einer als uninteressant abgestempelten Substanz — gaebe es nichts von dem, was wir heute erforschen. Keine 1P-LSD, kein 1V-LSD, kein 1Fe-LSD. Die gesamte Derivat-Forschung baut auf dem Molekuel auf, das ein Chemiker in Basel an einem Novembertag 1938 zum ersten Mal herstellte.
Aber Hofmanns Vermächtnis geht über das Molekuel hinaus. Er etablierte Prinzipien, die bis heute gelten:
1. Systematische Synthese: Hofmanns methodisches Durcharbeiten von Lysergsaeure-Variationen ist das Vorbild für die heutige Derivat-Entwicklung
2. Sorgfältige Dokumentation: Sein penibles Laborjournal setzte Standards für die Berichterstattung
3. Respekt vor der Substanz: Sein lebenslanges Plaedoyer für verantwortungsvollen Umgang prägte die Forschungsethik
4. Interdisziplinaeres Denken: Hofmann verband Chemie, Botanik, Philosophie und Psychiatrie
Die Erben des Bicycle Days
Jedes Jahr am 19. April feiern Forschungsgemeinschaften weltweit den Bicycle Day. In über 42 Ländern finden Veranstaltungen statt. Die Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS) schätzt, dass rund 250.000 Menschen jaehrlich an Bicycle-Day-Events teilnehmen.
Albert Hofmann hätte die heutige Vielfalt an Lysergamid-Derivaten wahrscheinlich mit seiner charakteristischen Mischung aus Faszination und Vorsicht betrachtet. In einem seiner letzten öffentlichen Auftritte, beim World Psychedelic Forum in Basel 2008, sagte er:
"Die Zukunft der LSD-Forschung liegt in den Händen einer neuen Generation. Ich bitte euch nur um eines: Geht mit Respekt und Neugier an die Sache. Beides braucht man."
Wir nehmen das ernst.
Häufig gestellte Fragen zu Albert Hofmann
Albert Hofmann wurde 102 Jahre alt. Er wurde am 11. Januar 1906 in Baden (Schweiz) geboren und verstarb am 29. April 2008 in Burg im Leimental. Bis ins hohe Alter blieb er geistig aktiv und nahm an wissenschaftlichen Konferenzen teil — sein letzter öffentlicher Auftritt war beim World Psychedelic Forum in Basel 2008.
Der Bicycle Day wird jaehrlich am 19. April begangen und erinnert an Albert Hofmanns bewussten Selbstversuch mit 250 Mikrogramm LSD-25 am 19. April 1943. Der Name bezieht sich auf seine beruehmt gewordene Fahrradfahrt von seinem Labor bei Sandoz nach Hause. Laut Schätzungen nehmen jaehrlich über 250.000 Menschen weltweit an Bicycle-Day-Veranstaltungen teil.
Der Titel seines Buches von 1979 spiegelt Hofmanns ambivalente Beziehung zu seiner Entdeckung wider. Er sah enormes therapeutisches und wissenschaftliches Potenzial in der Substanz, war aber zutiefst besorgt über den unkontrollierten Gebrauch außerhalb wissenschaftlicher Kontexte, der zum weltweiten Verbot führte und die Forschung um Jahrzehnte zurückwarf.
Dr. Lena Voss ist promovierte Neurowissenschaftlerin und verfolgt die Geschichte der psychedelischen Forschung seit über einem Jahrzehnt. Alle Angaben basieren auf Hofmanns publizierten Schriften, akademischen Quellen und archivierten Interviews. Keine medizinische Beratung.
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